Die Pfahlbauer vom Bodensee
Betrachtung einer Kultur mit erstaunlichem Durchhaltevermögen und einem besonderen "Kult".
Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Silver Mary. Wie ihr es kennt, ist auch hier das Thema zweigeteilt. Während ich die Pfahlbauer und deren Herkunft/Wirken betrachte, findet ihr bei Silvana einen anderen Schwerpunkt. Sie betrachtet die erwähnte Kultwand und beschäftigt sich mit der damaligen Gemeinschaft, dem dort herrschenden Frauenbild und dem, was wir daraus für heute mitnehmen können.
Nun, los geht es!
Stell dir vor, du stehst am Ufer des Bodensees und schaust aufs Wasser. Irgendwo da draußen, unter der Oberfläche, im Schlamm verborgen, liegen die Reste von Dörfern. Häuser, die vor über 6000 Jahren bewohnt waren. Du siehst Holzpfähle, Werkzeuge sowie Keramikscherben – und die Kultwand von Ludwigshafen.
Wer hat das errichtet? Wer waren diese Menschen und woher kamen sie?
Romantisches Missverständnis
Zunächst muss ich hier enttäuschen: Die Pfahlbauer lebten nicht in Hütten über dem Wasser, auch wenn es gern so aussieht.
Dieses Bild entstand im 19. Jahrhundert, als Ferdinand Keller 1854 Pfahlreste im Zürichsee entdeckte. Er stellte sich venezianische Verhältnisse vor – Häuser auf Plattformen, verbunden durch Stege. Fischer die in ihren Booten sitzend die Angel auswarfen. Romantisch, aber völlig falsch.
Die moderne Archäologie korrigierte das Bild später. Die meisten dieser Siedlungen standen am Ufer, die Pfähle stabilisierten den Bau im feuchten Boden. Erst später, als der Wasserspiegel stieg, wurden die Dörfer überflutet – und genau das konservierte sie unter Sauerstoffabschluss für Jahrtausende.
Am Bodensee kennen wir heute viele solcher Fundstellen. Seit 2011 gehören 111 Fundstellen in sechs europäischen Ländern – darunter neun am Bodensee – zum UNESCO-Welterbe „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen”. Namen wie Hornstaad-Hörnle, Unteruhldingen und Sipplingen-Osthafen stehen für Jahrtausende menschlicher Geschichte.
Woher kamen die Pfahlbauer?
Die ersten Siedler am Bodensee erschienen ab etwa 3870 v. Chr. Sie gehörten zur Pfyner Kultur (ca. 3900-3500 v. Chr.), benannt nach dem Fundort Pfyn im Schweizer Kanton Thurgau. Aber ihre Wurzeln reichten weiter zurück.
Sie waren Nachfahren der ersten Bauern Mitteleuropas – Menschen, die aus dem Nahen Osten über den Balkan und die Donau nach Norden gewandert waren. Die Linienbandkeramiker, wie Archäologen sie nennen, brachten Getreide, Vieh, Keramik und eine völlig neue Lebensweise mit. In der Bodenseeregion folgte die Pfyner Kultur auf die ältere Hornstaader Gruppe.
Am Bodensee trafen sie auf die letzten Jäger und Sammler. Es war keine kriegerische Eroberung, mehr ein langsames Vermischen. Genetische Analysen zeigen, dass beide Gruppen miteinander lebten. Sie bekamen Nachwuchs und tauschten Wissen aus.
Die Pfahlbauer am Bodensee waren also keine einheitliche Gruppe oder ein Stamm. Sie waren eine gemischte Bevölkerung, die über Generationen hinweg eine eigene Identität entwickelte. Und sie blieben über 3000 Jahre lang.

Leben am See
Stellt euch ein Dorf vor, mit 15 bis 150 Häusern, dicht beieinander am Seeufer. Jedes Haus aus Holz, Lehm und Reet, etwa sechs mal acht Meter groß. In größeren Siedlungen wie Hornstaad-Hörnle oder Sipplingen lebten zeitweise 700-1000 Menschen.
Der Tag begann meist früh. Frauen mahlten Getreide zwischen Steinen – Emmer, Einkorn und später auch Gerste. Brot wurde gebacken, Brei gekocht. Fisch kam auf den Tisch: Hecht und Barsch, manchmal auch Wels. Die Männer reparierten die Netze und schnitzten Angelhaken aus Knochen.
Auf den Feldern hinter der Siedlung wuchs Getreide. Männer wie Frauen arbeiteten zusammen – pflügten, säten und ernteten. Die Kinder halfen mit, hüteten die Ziegen und Schafe oder sammelten Beeren im Wald.
Abends saß man dann am Feuer, erzählte sich Geschichten oder flickte Kleidung. Das soziale Leben war eng, jeder kannte jeden. Das war wichtig, denn man war aufeinander angewiesen.
In Hornstaad-Hörnle fand man Überreste von über 1200 Häusern, verteilt über verschiedene Siedlungsphasen. Eine beeindruckende Zahl!
Das Dorf wurde immer wieder aufgebaut, erweitert und verändert, Generation um Generation.
Die Frauen
Man dachte sehr lange, zu jener Zeit hätte es eine klare Rollenverteilung gegeben: die Männer jagten, die Frauen kochten und bewachten die Kinder. Doch die Pfahlbauten am Bodensee erzählen eine andere Geschichte.
Skelette von Frauen zeigen sehr starke Abnutzungsspuren an Gelenken und Wirbelsäule. Sie trugen schwere Lasten wie Holz, Wasser und Getreide. Ihre Arme waren muskulös, ihre Knochen robust. Sie arbeiteten also körperlich genauso hart wie die Männer.
Verschiedene Grabbeigaben belegen: Frauen hatten Zugang zu wertvollen Gütern. Man fand bei ihnen Schmuck aus Bernstein und Kupfer sowie geschliffene Steinbeile. Manchmal auch Werkzeuge, die wir heute eher Männern zuordnen würden.
Zwischen 1990 und 1994 machten Taucharchäologen des Landesamts für Denkmalpflege bei Ludwigshafen einen außergewöhnlichen Fund: etwa 2000 bemalte Lehmfragmente einer Hauswand. Jahrelange mühsame Arbeit folgte, bis die Rekonstruktion 2016 abgeschlossen war.
Das Ergebnis: eine fast 7 Meter lange, etwa 6000 Jahre alte bemalte Wand eines Kulthauses. Die Siedlung hatte damals ca. 150 Häuser.
Die sogenannte Kultwand zeigt sieben Frauen mit plastisch ausgeformten Brüsten und sonnenstrahlenförmigen Köpfen. Dazwischen sieht man abstrakte Stammbäume und kleinere Figuren.
Wer sie schuf, wissen wir nicht mit Sicherheit. Aber die Darstellungen legen nahe: Frauen spielten in den religiösen Vorstellungen dieser Menschen eine zentrale Rolle. Der Archäologe Helmut Schlichtherle interpretiert die sieben gleich großen Frauengestalten als Ahnfrauen, wobei jede möglicherweise einem Clan im Dorf zugeordnet war. Dies würde bedeuten, dass es keine zentrale Herrschaft gab, sondern dass jeder Clan dieselbe Bedeutung hatte.
Das ist eine wichtige Erkenntnis: Religion bedeutete Macht. Wer mit den Göttern sprach, hatte Einfluss.
Die Pfahlbauer lebten in kleinen Gemeinschaften ohne zentrale Herrschaft. Sie hatten keine Könige und erst recht keine monumentalen Paläste. Die Entscheidungen wurden vermutlich gemeinsam getroffen – in Versammlungen, in denen Männer und Frauen sprachen.
Frauen waren hier damals also keine stummen Dienerinnen. Sie waren Bäuerinnen, Handwerkerinnen und möglicherweise Heilerinnen oder spirituelle Führerinnen. Sie prägten ihre Gesellschaft aktiv mit.

Spezialisten
Die Menschen am Bodensee beherrschten verschiedene Fertigkeiten.
Sie stellten Keramik her – nicht irgendetwas, sondern kunstvolle Gefäße mit geometrischen Mustern. Typisch für die Pfyner Kultur sind flachbodige, oft sorgsam geglättete, dünnwandige und schwarz gebrannte Gefäße. Besonders beliebt waren Henkelkrüge in verschiedenen Größen, manchmal verziert mit modellierten weiblichen Brüsten – sogenannte “gynäkomorphe Gefäße”. Jedes Dorf hatte seinen eigenen Stil, den man an den Verzierungen erkennt.
Außerdem webten sie Stoffe aus Flachs und Wolle. In Hornstaad und Ludwigshafen fand man Reste von Textilien – fein gewebt, manche sogar gefärbt. Das erforderte Wissen über Pflanzen, über Färbetechniken und den Bau beziehungsweise die Verwendung von Webstühlen.
Die Pfahlbauer verarbeiteten auch Leder, sie nähten Kleidung, fertigten Taschen und Schuhe. In den Feuchtbodensiedlungen am Bodensee haben sich organische Materialien erhalten – ein Glücksfall für die Archäologie. Wir sehen genau, was damals Mode war.
Die Pfyner Kultur war die erste Kultur in der Schweiz, die Kupferobjekte führte – sowohl für Schmuck als auch für Werkzeuge wie Beilklingen. Das Kupferbeil von Ötzi unterscheidet sich nur geringfügig von Beilen aus der Pfyner Kultur. Interessanterweise ging dieses Wissen in der nachfolgenden Horgener Zeit wieder verloren.
Und die Menschen wussten um Heilpflanzen. Reste von Mohn, Leinsamen und verschiedenen Kräutern deuten darauf hin, dass medizinisches Wissen existierte.
Wer dieses Wissen bewahrte und weitergab?
Vermutlich die Frauen.
Das Ende
Das letzte dendrochronologisch datierte Schlagdatum der Pfyner Gruppe am Bodensee fällt um 3507 v. Chr. Danach gibt es eine Siedlungslücke – die allerdings auch mit dem Forschungsstand zu tun haben könnte. Nach 3500 v. Chr. gibt es nur noch eine Fundstelle, die der Pfyner Kultur zugeordnet werden könnte: Arbon-Bleiche 3 (3384–3370 v. Chr.), die bereits Einflüsse der nachfolgenden Horgener Kultur zeigt.
Die Pfahlbausiedlungen am Bodensee verschwanden nicht abrupt, sondern allmählich über Jahrhunderte. Verschiedene Faktoren trugen dazu bei:
Das Klima änderte sich. Die Sommer wurden kühler, die Winter härter. Der Wasserspiegel schwankte stärker, Überschwemmungen zerstörten Dörfer. Gleichzeitig begann die Bronzezeit und später die Eisenzeit, mit neuen Technologien und neuen Handelswegen. Machtzentren bildeten sich andernorts, weiter im Landesinneren. Die Menschen zogen weg, in geschütztere Lagen, weg vom See.
Aber sie verschwanden nicht gänzlich. Ihre Nachfahren lebten weiter, gingen in den Kulturen der Kelten auf, später in jener der Römer.
Was bleibt?
Die Pfahlbauer am Bodensee lehren uns:
Prähistorische Gesellschaften waren nicht simpel, sondern komplex, mit einem hohen Maß an Organisation und Kreativität. Die Frauen waren nicht passiv – sie bauten ihre Gesellschaft in allen Bereichen mit auf.
Die Kultwand von Ludwigshafen, die Gräber und die Werkzeuge – sie alle erzählen von einer Welt, in der Frauen und Männer gemeinsam überlebten. In einer Zeit, in der jeder Schritt alles abverlangte, es keine moderne Medizin oder gar Technologie gab. Und trotzdem gelang es ihnen, über 3000 Jahre lang am Bodensee zu leben.
Wenn man heute am Ufer steht oder die Rekonstruktion in Unteruhldingen besucht, kann man durchaus genau daran denken: Unter einem liegt der Schlamm, der diese Geschichte lange konservierte und verbarg. Diese Menschen lebten und atmeten, wirkten und schufen – sie verdienen, dass wir ihre Geschichte erzählen.
Danke!
Lest unbedingt bei Silvana weiter und mehr dazu :)
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Quellen
Internet:
- Pfahlbauten Museum Unteruhldingen
- Bodensee.eu: “UNESCO Weltkulturerbe Pfahlbauten”
Buch:
- Probst, Ernst: _Die Pfyner Kultur in der Schweiz: Eine Kultur der Jungsteinzeit vor etwa 4.000 bis 3500 v. Chr._ (E-Book/Taschenbuch, verschiedene Verlage)



Sehr schön! Die Pfahlbauten in Unteruhldingen – wie oft ich dort war….😊
Wunderbar ausführlich beschrieben und ich muss leider zugegeben ich kannte die Pfahlbauten bis dato als Österreicherin nicht . Jetzt schon, dank euch